Gelebtes Leitbild der Diakonie Rosenheim – am Beispiel von Safas Geschichte

In ihrem Leitbild zitiert die Diakonie Rosenheim einen Spruch Salomos aus dem alten Testament: „Wir tun unseren Mund auf für die Stummen und für die Rechte der Schwachen.“
Außerdem heißt es dort: „Unseren Mitmenschen begegnen wir mit Nächstenliebe, Achtung und Respekt vor ihrer Würde.“ Oder: „Aus der Tradition der Diakonie Rosenheim heraus helfen wir dem Einzelnen, schwierige Lebenssituationen zu meistern und engagieren uns politisch und gesellschaftlich, vorhandene Not zu beheben und neue Not nicht entstehen zu lassen.“
Wir wollen uns als Lobbyistinnen und Lobbyisten für soziale Gerechtigkeit einsetzen – in der Gesellschaft und auf politischer Ebene.

Das alles sind schöne Worte und ehrenvolle Vorsätze, die gut klingen und mit denen es leicht ist, sich zu schmücken. Sie hätten jedoch keinen Wert, wenn sie in der täglichen Arbeit nicht mit Leben gefüllt würden. Oft geschieht die Orientierung an diesen Leitgedanken in der Arbeitspraxis ganz automatisch, intuitiv oder im Kleinen, ohne dass sie größere Beachtung oder Aufmerksamkeit erfährt.

Der nachfolgende Fall aus der „Flexiblen Jugendhilfe München Landkreis“ soll jedoch einmal verdeutlichen, wie wir als Träger sozialer Dienstleistungen die Haltung unseres Leitbildes leben und auch konkret in unserer Arbeit umsetzen. Er ist jedoch nur ein Beispiel dafür, wie sich unsere Mitarbeitenden täglich an unterschiedlichsten Stellen für die „Rechte der Schwachen“ einsetzen.

Safas Geschichte

Safa (sein vollständiger Name soll nicht genannt werden) (22 Jahre) ist seit zwei Jahren ein Klient in den „Flexiblen Betreuten Wohnformen“ der „Flexiblen Jugendhilfe München Landkreis„, einer Maßnahme, in der u. a. junge Erwachsene betreut werden, die beispielsweise aufgrund ihrer Persönlichkeitsentwicklung Unterstützung bei ihrer selbstständigen Lebensführung brauchen.
Der junge Afghane lebte über viele Monate sehr sparsam, um sich den Herzenswunsch, seine schwerkranke Mutter in Afghanistan noch einmal besuchen zu können, zu erfüllen.
Am 24. Juli 2021 war es endlich soweit und Safa flog in seine Heimat! Leider hatte er – wie so viele Menschen – die politische Lage vor Ort völlig falsch eingeschätzt. Die politische Situation spitzte sich in Afghanistan schnell immer weiter zu, die Taliban eroberten in kurzer Zeit weite Teile des Landes und es wurde für die Menschen dort immer brenzliger. Zum Glück konnte Safa dennoch einige schöne Tage bei seiner Familie verbringen und auch die Hochzeiten seiner Schwestern mitfeiern, bevor er sich – wie viele Afghanen – in der Hoffnung, dort in Sicherheit zu sein und das Land rechtzeitig verlassen zu können, nach Kabul begab. Aber auch Kabul wurde innerhalb weniger Tage von den Taliban eingenommen.
Während seines Aufenthalts in Kabul wohnte Safa mit seiner Schwester und seinem Schwager in einer einfachen Mietwohnung. Da sein Schwager für das amerikanische Militär gearbeitet hatte, wollte auch er das Land so schnell wie möglich verlassen. Die Zeit in der Hauptstadt Afghanistans war geprägt von Angst, Unsicherheit, Ressourcenknappheit – und auch immer wieder von der tiefen Enttäuschung, dass sich vor Ort niemand für seinen Fall zuständig gefühlte. Alle Diplomatinnen und Diplomaten hatten entweder das Land verlassen oder waren untergetaucht. Auch die meisten vor Ort tätigen Hilfsorganisationen konnten ihre Arbeit nicht mehr ausüben. Es gab in Afghanistan niemanden, der Safa half!

Hilfe von Deutschland aus organisiert

Von Deutschland aus versuchten daher Safas Bezugsbetreuerin Michaela Stelzer, Mitarbeiterin bei der „Flexiblen Jugendhilfe München Landkreis„, ihr Kollege Felix Lasson und ihre Bereichsleitung Lena Rabenseifner, Safa zu helfen: Sie nahmen Kontakt zu Hilfsorganisationen auf, kontaktierten das „Auswärtige Amt“ in Deutschland sowie alle deutschen Botschaften in den umliegenden, sicheren Nachbarländern Afghanistans. Safa schrieb seinerseits ebenfalls von Afghanistan aus die deutschen Botschaften der sicheren Nachbarländer an. Immer wieder hieß es aber auch hier, sie sollten sich gedulden oder der Ansprechpartner sei nicht zuständig. Selbst das „Auswärtige Amt“ in Deutschland fühlte sich für den Fall nicht zuständig.
Erschwerend kam hinzu, dass das fallzuständige Jugendamt in München Safas Maßnahme rückwirkend zum 5. September 2021 wegen seiner langen Abwesenheit aufhob, da aus ihrer Sicht die gesetzlichen Voraussetzungen für die Fortführung der Maßnahme der „Flexiblen Betreuten Wohnformen“ nicht mehr gegeben waren. Dabei war der Auslandsaufenthalt im Vorfeld mit dem Jugendamt abgesprochen gewesen.
Auch Miriam Egeler, zuständige Geschäftsbereichsleitung bei der „Jugendhilfe Oberbayern„, setzte sich für Safa ein und erreichte schließlich nahtlos zum 5. September 2021, dass die Jugendhilfemaßnahme doch fortgeführt werden konnte – jedoch unabhängig von der weiteren Kostenübernahme durch das fallzuständige Jugendamt. Hier sprang die Diakonie Rosenheim ein, damit der junge Mann neben allen anderen Belastungen und Ängsten wenigstens nicht auch noch seine Wohnung in Deutschland und die Unterstützung der Jugendhilfe verlor!

Rückflug dank Spendenaktion gesichert

Das nächste Problem ließ jedoch nicht lang auf sich warten: Schnell wurde klar, dass Safas Rückreise – sollte sie gelingen – wesentlich teurer als gedacht werden würde und er nicht genügend Geld dafür gespart hatte. Daraufhin wurde eine private Spendenaktion ins Leben gerufen, an der sich Freunde, Familienmitglieder, Arbeitskolleginnen und -kollegen von Safa sowie Mitarbeitende der Diakonie Rosenheim finanziell beteiligten. Sie ermöglichten Safa mit ihren Spenden letztendlich den Rückflug nach München!

Über den Iran endlich wieder nach Deutschland

Bevor es allerdings so weit war, kam es für Safa noch zu etlichen gefährlichen Situationen mit den Taliban und die Zustände in seinem Heimatland erschütterten ihn immer mehr. Er gab aber nicht auf, versuchte weiter, Afghanistan zu verlassen, und fand schließlich den Mut, sich an ein Reisebüro in Kabul zu wenden. Dieses half ihm dabei, ein Visum für den Iran zu bekommen, von wo er am 8. Oktober 2021 endlich per Linienflug nach Deutschland zurückflog.

Heute geht es Safa den Umständen entsprechend gut. Er ist momentan dabei, für seine Abschlussprüfung zum Einzelhandelskaufmann zu  lernen. Aber selbstverständlich vermisst er seine Familie, sorgt sich um sie und wünscht sich von ganzem Herzen, seine Mutter und seine jüngste Schwester ebenfalls nach München holen zu können.

„Wir sind sehr froh, dass am Ende alles gut gegangen ist und wir Safa wohlbehalten nach Deutschland zurückholen konnten“, sagt Miriam Egeler erleichtert. „Mein erster Dank geht an Safa, der trotz aller Widrigkeiten in Kontakt geblieben ist, sich mutig den Herausforderungen gestellt und nicht auf gegeben hat. Aber ich danke auch allen Beteiligten, die sich wochenlang für ihn eingesetzt und sich um ihn gesorgt haben, für ihr grenzenloses Engagement, die große Einsatzbereitschaft und Motivation sowie für ihr kontinuierliches Kontaktangebot an Safa. Sie haben alles in Bewegung gesetzt und jeden Stein umgedreht, um die Rückkehr für Safa möglich zu machen. Es macht unglaublich stolz, solche Mitarbeitenden im Unternehmen zu haben, denen Menschenleben vor Bürokratie gehen.“

Ausblick

Die Diakonie Rosenheim unterstützte im Nachhinein den jungen Mann dabei, Klage gegen die Aufhebung der Kostenübernahme für die Maßnahme der „Flexiblen Betreuten Wohnformen“ einzureichen. Das fallzuständige Jugendamt in München hat inzwischen die Aufhebung zurückgenommen, so dass die Maßnahme mittlerweile auch offiziell durchgängig weiterlief.

KomMa
Autor: KomMa

Kommunikation und Marketing der Diakonie Rosenheim

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