Wie gesellschaftlicher Zusammenhalt gestärkt werden kann, betrifft Kirchen und soziale Organisationen unmittelbar. Sie leben vom Engagement vieler Menschen und sind zugleich Orte, an denen unterschiedliche gesellschaftliche Positionen aufeinandertreffen. Beim diesjährigen Jahresempfang wurde deshalb die aktuelle Debatte über Wehrpflicht und Gesellschaftsjahr zum Anlass genommen um grundsätzlicher zu fragen: Was bewegt Menschen dazu, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen?

Moderiert wurde die Gesprächsrunde beim gemeinsamen Jahresempfang Bezirksstelle der Diakonie Bayern in Rosenheim und des Evangelisch-Lutherischen Dekanats Rosenheim von Dekanin Dagmar Häfner-Becker und Dr. Andreas Dexheimer, Vorstand und Sprecher der Geschäftsleitung der Diakonie Rosenheim. Als Gesprächspartner brachten Prof. Dr. Christian Albrecht, Professor für Praktische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Pfarrer Jochen Bernhard, Militärdekan am Evangelischen Militärpfarramt Neubiberg und an der Universität der Bundeswehr München, unterschiedliche Perspektiven ein.

Selbstwirksamkeit und Sinn statt Pflichtappelle
Verantwortungsbereitschaft entsteht nicht allein dadurch, dass Staat oder Gesellschaft etwas vom Einzelnen erwarten. Prof. Albrecht plädierte vielmehr dafür, Menschen früh die Erfahrung zu ermöglichen, selbst etwas bewirken zu können. Bereits in Kindergarten und Schule könnten dafür wichtige Voraussetzungen geschaffen werden. Neben dieser Erfahrung von Selbstwirksamkeit spiele auch die Frage eine Rolle, ob Menschen ihr Engagement als sinnvoll erleben. „Wir müssen den Menschen nicht nur fragen: Was kannst du tun? Sondern vielmehr: Wer willst du eigentlich sein?“, sagte Albrecht.
Militärdekan Bernhard beschrieb Verantwortung stärker aus der Perspektive des Miteinanders: „Verantwortung heißt für mich, aufeinander bezogen zu bleiben, einander wahrzunehmen und daraus dann auch die Konsequenzen abzuleiten“, sagte er. Zugleich verwies er auf veränderte Formen des Engagements: Langfristige ehrenamtliche Bindungen würden seltener, während projektbezogenes Engagement an Bedeutung gewinnen könne.
Verantwortung nicht allein an junge Menschen delegieren
Kritisch betrachteten die Gesprächsteilnehmer eine Vermischung der Debatten über Wehrpflicht und Gesellschaftsjahr mit dem aktuellen Bedarf an Personal. Bernhard sprach sich dafür aus, beide Fragen inhaltlich voneinander zu trennen.
Albrecht hinterfragte, was die gegenwärtige Diskussion eigentlich antreibt: „Wenn man ein Stück weit ehrlich ist, dann führen wir diese Diskussion ja heute unter dem Aspekt, dass Personal fehlt – das Personal in der Bundeswehr fehlt, dass es im sozialen Bereich Lücken gibt.“ Er stellte deshalb die Frage, ob es nicht ein „Etikettenschwindel“ sei, die Debatte nachträglich mit Begriffen wie Sinnhaftigkeit und gesellschaftlichem Engagement zu versehen.
Dexheimer griff die Frage nach Verantwortung aus Sicht der Diakonie auf: „Verantwortung fürs Gemeinwesen ist unverzichtbar, aber sie darf nicht einseitig per Pflicht auf junge Menschen abgewälzt werden“, so Dexheimer. Wer über eine Dienstpflicht spreche, müsse sagen, wofür genau und warum sie gerecht sei. „Und wir müssen auch über generationengerechte Verantwortung im gesamten Lebenslauf reden. Aus diakonischer Sicht gilt: Engagement stärken ja, aber keinen Pflichtdienst als Reparaturbetrieb für Lücken im Sozialstaat.“
Im Gespräch bleiben
Welche Voraussetzungen gesellschaftliches Engagement braucht, war auch Thema des Grußworts von Landrat Otto Lederer. Vieles von dem, was die Gesellschaft zusammenhalte, geschehe in Vereinen, Kirchen, sozialen Einrichtungen, bei Feuerwehren und Hilfsorganisationen sowie im persönlichen Umfeld. Dieses Engagement könne der Staat weder verordnen noch ersetzen.

Albrecht und Bernhard betonten zudem die Bedeutung von Orten, an denen unterschiedliche gesellschaftliche Positionen miteinander im Gespräch bleiben können. Dekanin Häfner-Becker griff diesen Gedanken auf: „Aus christlicher Perspektive gilt es, sich für Frieden zu engagieren. Das geht nicht über Abgrenzung. Vielmehr gilt es, sich gegenseitig zuzuhören, andere Meinungen zuzulassen und nicht pauschal zu urteilen oder zu verurteilen“, sagte sie. Dies werde in den christlichen Kirchen seit jeher eingeübt. „Dafür braucht es Räume in Form von Gebäuden und in Form der Freiheit der Gedanken“, so Häfner-Becker.
Der gemeinsame Jahresempfang bot dafür auch ganz praktisch Gelegenheit: Nach der Podiumsdiskussion nutzten die rund 150 Gäste aus Kirche, Kommunalpolitik, sozialen Organisationen und Behörden die Zeit bei Essen und Getränken, um bestehende Kontakte zu vertiefen, neue zu knüpfen und den Austausch fortzusetzen.
Weitere Impressionen vom Jahresempfang:
Text: Susanne Neumann
Bilder: Lena Erhard