Anlässlich der Aktionswoche gegen Einsamkeit berichten Mitarbeitende der Diakonie Rosenheim von Begegnungen aus ihrem Arbeitsalltag. Ihre Erfahrungen zeigen, wie unterschiedlich Einsamkeit aussehen kann – und was Menschen hilft, wieder Anschluss zu finden.
Allein zu sein und einsam zu sein, ist nicht dasselbe. Einsamkeit entsteht, wenn die sozialen Beziehungen fehlen, die man sich wünscht. Oft bleibt sie lange verborgen. Wie unterschiedlich sie sich äußern kann, erleben Mitarbeitende der Diakonie Rosenheim täglich. Drei von ihnen berichten stellvertretend von ihren Erfahrungen.
Wenn niemand da ist zum Reden
Für Birgit Zimmer, Leiterin der Telefonseelsorge in Rosenheim, gehört das Thema Einsamkeit seit vielen Jahren zum Alltag. Besonders bewegt hat sie ein nächtlicher Anruf eines jungen Mannes mit körperlicher Einschränkung. Er erzählte, wie sehr er sich nach einer Partnerin sehne und wie stark er unter seiner Einsamkeit leide. Darüber sprechen könne er eigentlich nur mit der Telefonseelsorge.
„Oft melden sich Menschen zunächst ohne konkreten Anlass. Erst im Laufe des Gesprächs wird deutlich, dass hinter vielen Sorgen und Problemen Einsamkeit steht“, berichtet Birgit Zimmer. Häufig gingen Einsamkeit und psychische Belastungen wie Ängste oder Depressionen Hand in Hand. „Ich beobachte, dass die Einsamkeit der Menschen seit Jahren zunimmt“, sagt Zimmer. Besonders in der Mailberatung, die häufiger von jüngeren Menschen genutzt wird, spielt Einsamkeit eine immer größere Rolle.
Die große Leere im Alltag
„Die Menschen rufen selten an und sagen konkret: Ich bin einsam“, erzählt Stephanie Staiger, die bei der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit (KASA) der Diakonie Rosenheim arbeitet und dort den Besuchsdienst von Diakonie und Caritas für ältere Menschen organisiert. „Oft erfahren wir über Angehörige, Nachbarn oder anderen Beratungsangeboten, wie einsam diese Menschen sind“.
Der Besuchsdienst bringt ehrenamtlich engagierte Menschen mit älteren Menschen zusammen, die sich Gesellschaft und regelmäßige Kontakte wünschen. Gemeinsam wird gesprochen, spazieren gegangen, gespielt oder einfach Zeit miteinander verbracht.
Wie wichtig diese Besuche sind, merken die Ehrenamtlichen immer wieder. Viele Seniorinnen und Senioren freuen sich schon Tage vorher auf den nächsten Termin. Fällt ein Besuch wegen Krankheit oder Urlaub aus, ist die Enttäuschung oft groß. „’Oh, jetzt muss ich wieder eine Woche warten, bis Sie wieder kommen‘ hören wir dann oft,“ berichtet Staiger. Für Stephanie Staiger können schon kleine Gesten viel bewirken: ein freundliches Wort, ein kurzes Gespräch oder die Aufmerksamkeit für einen Menschen in der Nachbarschaft.
Wenn Scham und Rückzug Kontakte erschweren
Auch in der Kontakt- und Begegungsstätte Innkontakt – einer Anlaufstelle für Menschen sucht- und psychisch kranke Erwachsene mit dem Schwerpunkt der Alkoholabhängigkeit – spielt Einsamkeit häufig eine Rolle. Für Maximilian Jaroljmek, Bereichsleitung Ambulant Betreutes Wohnen der Diakonie Rosenheim, ist sie oft eng mit Scham, Rückzug und belastenden Lebenssituationen verbunden.
„Einsamkeit und Sucht beeinflussen sich häufig gegenseitig“, erklärt er. Fehlende soziale Kontakte können Suchtverhalten begünstigen. Gleichzeitig belastet eine Suchterkrankung Beziehungen und führt oft zu weiterem Rückzug.
Besonders während der Abstinenz wird das spürbar. Alte Kontakte aus dem Suchtumfeld werden bewusst beendet. Gleichzeitig fehlen häufig stabile soziale Beziehungen, die Halt geben könnten. Über Einsamkeit zu sprechen, fällt vielen Betroffenen schwer. Deshalb sei es wichtig, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen und Unterstützung anzunehmen. Wer wieder beginnt, Kontakte aufzubauen, erlebt soziale Beziehungen oft schon nach einiger Zeit wieder als Bereicherung.
„Veränderung ist möglich“, sagt Maximilian Jaroljmek. „Niemand muss dauerhaft mit diesem Gefühl allein bleiben.“
Hintergrund: Aktionswoche Einsamkeit
Vom 22. bis 28. Juni 2026 findet die bundesweite Aktionswoche gegen Einsamkeit unter dem Motto „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ statt. Mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen macht sie auf die unterschiedlichen Facetten von Einsamkeit aufmerksam und zeigt Möglichkeiten auf, wie Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe gestärkt werden können. Weitere Informationen zur Aktionswoche gibt es beim Kompetenznetzwerk Einsamkeit (KNE).
Weiterführende Links:
- TelefonSeelsorge Rosenheim
- Besuchsdienst von Diakonie und Caritas für ältere Menschen
- Kontakt- und Bewegungsstätten Innkontakt
Text: Susanne Neumann