KoGa am Karl-Marx-Ring: Wie ganzheitliche Bildung gelingt

Mit dem Schuljahr 2026/27 startet schrittweise der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder. Der Kooperative Ganztag (KoGa) an der Grundschule am Karl-Marx-Ring in München zeigt, was entsteht, wenn Schule und Jugendhilfe ihre Kompetenzen verbinden.

Ab dem 1. August tritt der Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung für Kinder im Grundschulalter schrittweise in Kraft. Damit rückt neben dem Ausbau zusätzlicher Plätze auch die Frage in den Mittelpunkt, wie guter Ganztag in der Praxis gelingt.

Anfang Juli übergab Bayerns Familienministerin Ulrike Scharf der Landeshauptstadt München, vertreten durch die Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl und Stadtschulrat Florian Kraus, an der Grundschule am Karl-Marx-Ring im Stadtteil Neuperlach einen Förderscheck über rund elf Millionen Euro. Damit werden fünf neue Kombieinrichtungen für den Kooperativen Ganztag mit insgesamt 2.100 Betreuungsplätzen gefördert.

Der Standort bot dafür einen besonders passenden Rahmen: Die Grundschule gilt als einer der schönsten Schulneubauten Münchens. Zugleich ist der dortige Kooperative Ganztag der Diakonie Rosenheim ein Vorzeigeprojekt dafür, wie Schule und Jugendhilfe eng zusammenarbeiten und gemeinsam Verantwortung für die Entwicklung der Kinder übernehmen.

Warum gute Ganztagsangebote weit mehr leisten als verlässliche Betreuung, brachte Ulrike Scharf bei dem Termin auf den Punkt:

„Bildung ist das Allerwichtigste, was wir den Kindern mitgeben können. Vor allen Dingen die ersten Jahre sind entscheidend, um den Kindern die besten Chancen für ein selbstbestimmtes Leben zu geben.“

Zugleich betonte die Ministerin die Bedeutung des Ganztags für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie für Integration und Inklusion. Wie sich diese Ziele im Alltag konkret umsetzen lassen, zeigt der Kooperative Ganztag am Karl-Marx-Ring.

v.l. Sozialministerin Ulrike Scharf, 3. Bürgermeisterin Verena Dietl, Vorstand der Diakonie Rosenheim, Andreas Dexheimer, Schulleiterin Ulrike Busler, Stadtschulrat Florian Kraus, KoGa-Leitung Hannah Strobl
Schule und Jugendhilfe arbeiten wirklich miteinander

Seit dem Schuljahr 2023/24 verantwortet die Diakonie Rosenheim den Kooperativen Ganztag an der Grundschule am Karl-Marx-Ring. Einrichtungsleiterin Hannah Strobl und Schulleiterin Ulrike Busler beschreiben das Grundprinzip des Standorts:

„Schule und Jugendhilfe arbeiten hier nicht nur unter einem Dach, sondern wirklich miteinander. Gemeinsam haben wir die individuellen Bedürfnisse der Kinder im Blick und können sie ganzheitlich fördern.“

Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende begleiten Lernzeiten, Ausflüge und schulische Aktivitäten gemeinsam. Durch den regelmäßigen Austausch können sie Beobachtungen aus Unterricht und Ganztag zusammenführen, Entwicklungen umfassender einordnen und Kinder gezielter unterstützen.

„Wir als Jugendhilfe lernen viel von der Schule – und andersherum“, erklärt Stefan Georg, stellvertretender Geschäftsbereichsleiter des Fachgebiets Jugend(sozial)arbeit und Ganztagsbildung.„Gerade bei Elterngesprächen ist es ein großer Mehrwert, wenn beide Perspektiven zusammenkommen. So können wir ein Gesamtbild vom Kind zeichnen.“

Wie selbstverständlich die Kinder dieses Miteinander erleben, zeigt sich auch in ihrer Sprache: Die pädagogischen Mitarbeitenden des KoGa werden  von den Schüler*innen häufig „KoGa-Lehrerinnen und -Lehrer“ genannt.

Für Andreas Dexheimer, Vorstand der Diakonie Rosenheim, liegt genau darin die besondere Qualität des Kooperativen Ganztags:

„Wenn Schule und Jugendhilfe ihre Stärken einbringen und gemeinsam Verantwortung übernehmen, entsteht ein echter Mehrwert für die Kinder. Genau das erleben wir im KoGa am Karl-Marx-Ring jeden Tag.“

Stefan Georg, stv. Geschäftsbereichsleiter des Fachgebiets Jugend(sozial)arbeit und Ganztagsbildung und Hannah Strobl, KoGa Leitung Karl-Marx-Ring
Zusammen wachsen

Wie groß der Bedarf an Ganztagsbetreuung ist, zeigt die Entwicklung der Einrichtung. Zum Start im Schuljahr 2023/24 wurden rund 60 Kinder von fünf Mitarbeitenden begleitet. Inzwischen besuchen etwa 220 Kinder den Kooperativen Ganztag, 33 Kolleginnen und Kollegen arbeiten vor Ort. Im kommenden Schuljahr werden voraussichtlich bis zu 280 Kinder und fast 40 Mitarbeitende zum Standort gehören.

Für Hannah Strobl ist besonders wichtig, dass trotz dieses schnellen Wachstums ein beständiges Team entstanden ist:„Es ist schön zu sehen, was entsteht und was wir bisher erreicht haben. Die Kinder fühlen sich hier wohl, und ich habe den Eindruck, dass auch die Kolleginnen und Kollegen gerne herkommen.“

Die großzügigen Räume der Grundschule bieten Platz für konzentriertes Lernen, Bewegung, kreative Angebote, Austausch und Rückzug. Die Betreuung ist bis 18 Uhr möglich. Eltern können an den einzelnen Wochentagen unterschiedliche Zeiten buchen und das Angebot damit flexibel an ihren Familienalltag anpassen.

Großformatig Kinderzeichnungen schmücken die Innen- und Außenwände der Grunschule
Der Stadtteil als Lern- und Lebensraum

Die pädagogische Arbeit endet nicht am Schultor. Der KoGa arbeitet unter anderem mit Jugendzentren und Sportvereinen zusammen. An Freitagnachmittagen und in den Ferien erkunden die Kinder Spielplätze, Parks, die Stadtbibliothek und den nahe gelegenen Wald oder zeigen einander ihre Lieblingsorte im Viertel.

So lernen sie Angebote in ihrem direkten Umfeld kennen und erfahren, wo sie auch außerhalb von Schule und Ganztag ihre Freizeit verbringen, andere Kinder treffen oder Unterstützung finden können.

Der Karl-Marx-Ring ist zudem Pilotstandort für Inklusion und Sozialraumöffnung. Die Erfahrungen aus dem Alltag fließen in kommunale Rahmenkonzepte ein. Zusätzlich begleitet das Deutsche Jugendinstitut die Entwicklung des Kooperativen Ganztags wissenschaftlich. Dafür werden Kinder, Eltern, Lehrkräfte und Fachkräfte zu ihren Erfahrungen befragt. Aus den Ergebnissen entstehen konkrete Empfehlungen für die Weiterentwicklung der Standorte.

Langjährige Erfahrung als Grundlage

Die enge Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe baut auf langjähriger Erfahrung der Diakonie Rosenheim auf. Im Bildungshaus Bad Aibling wird dieses Prinzip bereits seit etwa rund 15 Jahren gelebt. Delegationen der Landeshauptstadt München besuchten den Standort, bevor das Rahmenkonzept für den Kooperativen Ganztag entwickelt wurde.

„Das Bildungshaus war eine Blaupause“, erklärt Stefan Georg. „Am Karl-Marx-Ring wird dieses Grundprinzip an einem großen städtischen Standort weiterentwickelt.“

Mit dem Rechtsanspruch wächst der Bedarf an Ganztagsplätzen. Der Karl-Marx-Ring zeigt zugleich: Entscheidend ist nicht nur, wie viele Plätze geschaffen werden. Ebenso wichtig ist, wie Schule und Jugendhilfe den Alltag und die Entwicklung der Kinder gemeinsam gestalten.

Text: Lena Erhard
Bilder: Lena Erhard

Lena Erhard
Autor: Lena Erhard

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