Stationäre Jugendhilfe unter Pandemiebedingungen

Während Schulen und Kindertageseinrichtungen in den vergangenen Monaten coronabedingt – wenn auch unfreiwillig – oft geschlossen hatten und Lehrer/-innen zu Hause waren, konnten sich die Mitarbeitenden in unseren stationären Jugendhilfeeinrichtungen, wie Kinderschutz- und Inobhutnahmestellen oder „Sozialpädagogischen Jugendhäusern“, dem Infektionsrisiko nicht so einfach entziehen.

Da stationäre Einrichtungen, in denen Kinder und Jugendliche leben und wohnen, nicht einfach geschlossen und die jungen Menschen sich selbst überlassen werden können, haben die pädagogischen Fachkräfte dieser Einrichtungen auch während der ‚Lockdowns‘, ebenso wie Pflegekräfte in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, zuverlässig ihren Dienst versehen:

„Wir arbeiteten im Schichtdienst. Es waren immer bis zu vier Kolleginnen und Kollegen pro Tag im Haus, sie kamen und gingen jeweils zu ihren Schichten […]“, berichtet Johanna Schrembs, Bereichsleitung in der stationären Jugendhilfe bei der „Jugendhilfe Oberbayern“ in einem offenen Brief.

Um sich und die Kinder vor Infektionen zu schützen und die Aufrechterhaltung des Einrichtungsbetriebs weiter gewährleisten zu können, verzichteten die Mitarbeitenden „[…] privat auf jegliche Kontakte, die nicht notwendig waren, besuchten Eltern, Großeltern oder Freunde nicht, nahmen nicht an Geburtstagsfeiern teil und besprachen im Team, dass wir uns anstrengen wollten, […] so dass unsere Arbeit und unsere Gesundheit sowie die der Kinder zu keiner Zeit gefährdet würden.“

Weil in der stationären Jugendhilfe jedoch häufig Kinder und Jugendliche betreut werden, die traumatisiert sind und / oder bisher in ihrem Leben wenig Wärme, Sicherheit und Zuneigung erfahren haben, ist es für die Mitarbeitenden dieser Einrichtungen oft schwer, den unter Corona theoretisch notwenigen Abstand zu den jungen Menschen einzuhalten. Denn die jungen Menschen ‚fordern‘ ihrerseits häufig eben jene Nähe und Zuwendung ein, die ihnen bisher in ihren Herkunftsfamilien fehlte.

Dennoch taten die Mitarbeitenden ihr Bestes, unterstützten und ‚unterrichteten‘ die Kinder beispielsweise im ‚Home-Schooling‘ mit Maske, auch wenn es beim Schreiben- und Lesenlernen eine erhebliche Hürde darstellt, wenn man die Lippenstellung und Mundmimik nicht sehen kann.

Im Februar 2021 geschah dann aber dennoch das, wovor sich alle gefürchtet und was alle zu verhindern versucht hatten: Bei einem sechs Jahre alten Kind wurde im Rahmen eines Reihentests in der Schule Corona diagnostiziert!

Die nächste Herausforderung bestand darin, das Kind von der Schule zurück in die Einrichtung zu bringen, da es sich zwar in sofortige Quarantäne begeben musste, aber weder ein Krankentransport, noch ein Taxi-Unternehmen sich für eine Beförderung zuständig fühlten. Schließlich wurde das Kind von einer Mitarbeiterin der Schutzstelle mit dem PKW abgeholt und – dort angekommen – von den anderen Kindern räumlich isoliert. „Dieses Kind 14 Tage mit wenig sozialen Kontakten in einem Zimmer zu isolieren, hielten wir nicht nur für unfachlich, sondern sogar für menschenunwürdig. So hielt sich ein/-e Mitarbeiter/-in am Tag stundenweise bei dem Kind im Zimmer auf. Die Fachkraft trug dabei eine FFP2-Maske und einen Schutzanzug – aber sie spielte mit ihm, puzzelte, unterhielt sich mit ihm, tröstete Tränen oder streichelte den Kopf, damit das Kind in Frieden einschlafen konnte, und versorgte es mit Essen und Trinken“, schildert die Bereichsleiterin die Situation in ihrem Brief weiter.

Innerhalb nur einer einzigen Woche kamen zwei weitere Corona-Infektionen unter den Kindern hinzu, was die Gesamtlage – vor allem emotional – noch verschärfte. Da auch die übrigen Kinder als Kontaktpersonen der Stufe 1 galten, standen nun auch sie unter häuslicher Quarantäne. „Keine Besuche mehr zur Familie, zu Geschwistern, Freunden oder anderen wichtigen Bezugspersonen. Und auch für die Mitarbeitenden keinerlei Außenkontakte mehr, nur noch der Wechsel zwischen Arbeit und Wohnung, räumliche Trennung von eigenen Familienmitgliedern oder Partnerinnen und Partnern, Arbeitswege wurden nur noch per PKW zurückgelegt, keine Einkaufmöglichkeiten mehr etc. Zu allem Überfluss gleichzeitig immer die Angst im Nacken, dass man sich selbst anstecken könnte…“

Bei einem zweiten Test, ungefähr 14 Tage nach der ersten Diagnose, wurden zum Glück keine weiteren positiven Fälle innerhalb der Schutzstelle festgestellt und inzwischen steht die Einrichtung auch nicht mehr unter Quarantäne!

Die im Brief beschriebene Situation macht sehr deutlich, unter welchen Bedingungen sich die Arbeit pädagogischer Fachkräfte im stationären Jugendhilfebereich in der aktuellen Pandemiesituation abspielt und mit welchen Herausforderungen sie täglich zu kämpfen haben.

Auch wenn ihre Arbeit nicht ganz so stark im medialen Fokus steht wie diejenige von Lehrerinnen und Lehrern, Fachkräften in der Kindertagesbetreuung oder auch von Pflegekräften in Krankenhäusern und Pflegeheimen, so ist ihre Arbeit dennoch – gerade und besonders unter Corona – nicht weniger herausfordernd und erst recht nicht weniger systemrelevant!

Den vollständigen Brief von Johanna Schrembs lesen Sie hier: Offener Brief einer Bereichsleitung aus der stationären Jugendhilfe

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